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Kleine Geschichten aus dem Languedoc:
Route Barrée – Straße gesperrt
Seit Ende September ist die Straße nach Homps gesperrt – zu meinem Leidwesen, denn sie ist der schnellste und gut ausgebaute Weg zum Lac Jouarres, der, neben dem Canal du Midi, der z.Z. trocken liegt, Pablos liebste Badewanne ist. Alle Wege führen jetzt über den Nachbarort Azille.
Die Strecke dorthin ist noch einigermaßen ohne Probleme zu befahren, ohne dass dauernd einer an den Straßenrand fahren muss, um den Gegenverkehr durchzulassen. Pech, wenn beide Seiten tiefe Gräben haben.
Von Azille bis Pepieux gibt es dann noch einige Engstellen, doch so richtig spannend wird es von Pepieux bis nach Homps zum See. Wie schon Freunde von uns bemerkten, hat hier jeder Feldweg eine Straßennummer und der Navi führt hier manchmal in den schmalsten Weg im Weinberg. Außer den meisten Straßen, die reichlich eng sind für zwei Autos gleichzeitig, stammen fast alle Brücken – von denen es hier reichlich gibt, denn sie führen über die Aude und den Canal und andere Flüsschen – aus einer Zeit, als man noch zu Pferde reiste.
Dass die Brücken eng sind, ist nicht einmal das größte Problem – aus welchen Gründen auch immer haben die Baumeister zielsicher daran gearbeitet, dass man auf der einen Seite garantiert nicht sehen kann, ob auf der anderen Seite jemand kommt. Sie sind zum Teil so steil, dass Markus BMW an der obersten Stelle einfach hängen bleiben würde. Wahrscheinlich war das im Mittelalter mal eine gute Sache, wenn man den gegnerischen Ritter erst spät erblickte – heute fahre ich diese Brücken mit Herzklopfen und der großen Hoffnung an, es möge gerade keiner entgegen kommen.
Das wäre wahrscheinlich kein so großes Problem, wenn ich ein Meister des Rückwärtsfahrens auf engen Strecken wäre, wie es Markus ist, aber der hat früher immer mit seinem Kettcar geübt. Es gibt hier auch eine Brücke bei Argens, die besteht aus dünnen Metallplatten, welche beim Überfahren kräftig rütteln und scheppern. Jedes Mal denke ich, sie steht noch, dann kannst Du es auch noch mal wagen.
Wenn ich hier irgendwo endlich angekommen bin, habe ich richtig Grund zum Aufatmen. Es wird Zeit für einen Allrad, der hilft zwar auf Brücken nichts, aber am Straßenrand und bei manchen Strecken ist auch sonst die Achse gefährdet. Ein weiteres großes Verkehrshindernis ist der sogenannte „Vide Grenier“, ein Flohmarkt, der sich über Großteile des jeweiligen Ortes zieht und die Durchgangsstraßen mit wild parkenden Autos und jede Menge Gewimmel fast vollständig versperrt. Das Datum des jeweiligen Flohmarkts wird schon Wochen vorher ausgeschildert und das ist hier ein Ereignis, das wohl keiner verpassen will.
Außerdem kann man sich an diesen Sonntagen das Kochen sparen, genug Ess-stände gibt es auch.
Jagdfieber - auf Alles was sich bewegt
Sonntag morgen Ende Oktober: wir sind auf Fotosafari, gleichzeitig findet hier noch eine andere „Safari“ statt. In der weitläufigen Garrigue fallen Schüsse, Hundegebell erschallt. Die Sonne strahlt schon vom Himmel, aber der Morgen ist noch kühl. Pablo, unser Schoko-labrador liegt voll Erwartung auf der Rückbank des Scenic – wann darf er endlich mal raus? Hier jedenfalls nicht – er sieht einem Wildschwein entfernt ähnlich, aber das muss man hier gar nicht, um erschossen zu werden.
Der Jäger in der Ardeche, der einen 24-jährigen Radfahrer mit einem Schuss getötet hat, hatte wohl auch seine Brille zu Hause gelassen, denn er behauptete, auf ein Wildschwein gezielt zu haben. Seit wann Wildschweine Rad fahren, ist mir unbekannt, aber schnell sind diese Tiere unterwegs, vor allem auf der Flucht vor den schießwütigen französischen Bauern, die sich gleich nach der Weinernte auf die Jagd begeben.
Besonders Samstags und Sonntags ist hier in der Region Languedoc Vorsicht geboten. Nicht nur, dass man samt Hund um Leib und Leben fürchten muss, wenn man auch nur in die Nähe eines Weinbergs gerät, an dem verdächtig viele, oft leicht ramponierte, Fahrzeuge stehen. Auch als Autofahrer ist man unfreiwilligerweise in die Jagd involviert. Wildschweine in Todesangst sind rasend schnell und queren jede Straße, die ihren Weg kreuzt, oft sogar mehrfach in verschiedene Richtungen. Immer langsam fahren und wenn man sie kommen sieht – wenn man das Glück hat, sie kommen zu sehen – stehen bleiben. Eine Kollision mit 90 kg im Galopp ist für beide Seiten kein Spaß. Wildschwein ist hier beliebt seit Obelix’ Zeiten. Aber leider kommt es bei Jagd immer wieder zu Unfällen, da auf alles geschossen wird, was sich bewegt.
Ein eindrücklicher Ort hierfür sind die oft ausgetrockneten Flussbetten der Schluchten um Minerve. Dort kann man die Jäger am Wochenende am oberen Rand der Schluchten stehen sehen. Sie schießen dann in die Schlucht auf alles was sich bewegt – also Vorsicht, sollten Sie als Naturliebhaber dort einen Spaziergang machen. Zuerst sollten Sie auf Fahrzeuge achten, die am Straßenrand abgestellt sind und dann kann man die Jäger leicht daran erkennen, dass sie neuerdings, damit sie selbst nicht erschossen werden, die leuchtenden Westen tragen, die seit kurzem hier in Frankreich für Autofahrer vorgeschrieben sind. Dies hätte besser auch der Radfahrer in der Ardeche getan.
Abgesehen von den Jägern ist Minerve sehr empfehlenswert und im Ort hat man nichts zu befürchten, schließlich sind wir nicht mehr im Jahre 1210, als die Katharer auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Diese Menschen wollten eigentlich nur in Frieden leben, aber sie waren der katholischen Kirche ein Dorn im Auge und wie wir alle wissen, ist das eher ungünstig – so wie Radfahren im Jagdgebiet. Hier stehen häufig an den Straßen die braunen Schilder mit der Aufschrift „Vous êtes au pays cathare“. Sie befinden sich in einem geschichtsträchtigen Gebiet, einem Teil Frankreichs, das kein Interesse daran hatte, Teil dieses Landes zu sein. Aber die Koalition aus katholischer Kirche und nordfranzösischen, landhungrigen Adligen führte zu einem grausamen Massaker und zur Zerstörung der Kultur des Languedoc und der Glaubenswelt der Katharer.
Heute hörte ich die Legende von Malpas, die ich gerne mit Euch teilen will: Der Tunnel von Malpas ist der erste Schiffstunnel des Canal du Midi und ermöglichte und ermöglicht heute noch die Beschiffung des Canals von Sête bis Toulouse. Es war die harte Arbeit vieler Männer, Frauen und Kinder und bei den ersten Arbeiten kam es auch zu Toten und Verletzten bei Einstürzen. Die Leute wollten aufhören, aber Pierre Paul Riquet konnte sie überzeugen, wie wichtig ihre Aufgabe war und versprach mit ihnen dort zu arbeiten, was er auch einhielt und sie schafften es. Durch den Tunnel fuhren voller Bewunderung der König und die Adligen und nunf konnte die Schiffahrt beginnen. Der Name Malpas steht heute noch für die unendlichen Mühen und die Verletzten und Toten bei seiner Erschaffung. Nach 15 Jahren beim Kanalbau kehrte Artus, einer der Arbeiter in seinen Heimatort zurück, um seine Frau und seine Familie wieder zu treffen - doch es war keiner mehr da. Er hatte sich so lange Zeit nicht gemeldet, so dass es die Dorfbewohner nicht wunderte, dass seine Familie ein neues Leben begonnen hatte. Verzweifelt dachte er, was er denn nun tun könne. Er kannte den Tunnel von Malpas in und auswendig und beschloss, dorthin zurück zu kehren. Dort lebte er als Eremit in den Höhlen des Tunnels, ein kleines Felsenfenster erlaubte es ihm, einen Korb an einem Seil herunterzulassen und die Schiffer um Essen und Trinken zu bitten. Falls sie ihm nichts gäben, würde er sie verfluchen - die Zeit war ohnehin eine des Aberglaubens im 17. Jahrhundert und die Schiffer waren es auch. Er bekam, was er verlangte, sogar Geld. Die Zeit verging bis eines Tages ein junger, mutiger Schiffer seine Bitten in den Wind schlug und weiterfuhr - er hielt das Ganze für Humbug. In der großen Schleuse von Fonsérannes geriet sein Boot in eine missliche Lage und sein Ruder wurde verbogen. Seitdem gaben wieder alle Schiffer dem Eremiten freiwillig, was auch immer er verlangte. Die Geschichte wurde von Mme Cogon von der Peniche Carabosse erzählt.
Eine andere schöne Geschichte erzählen uns die Troubadoure über zwei große Felsbrocken bei Naurouze, bei denen heute auch der Obelisk zu Ehren von Pierre Paul Riquet besichtigt werden kann. Der Legende nach reiste ein Riese namens Naurouzo von Narbonne aus mit diesen Felsen, um die Toulouse zu errichten. Zwei Bauern, denen er begegnete, sagten ihm, dass Toulouse schon existiere und wutentbrannt schleuderte der Riese die Felsen zu Boden. Sie liegen sehr eng an einander und Nostradamus sagte voraus, sollten die Felsen sich vereinigen, würde das das Ende der Welt bedeuten. Darum werfen die Einwohner immer wieder kleine Steine in die Lücke, um dies zu verhindern.
Eine Legende zur Entstehung des Minervois
Die Tochter des Zeus - Athena-Minerve betritt das Land zwischen den Bergen und dem Meer unter dem stillen Himmel. Sie erhebt ihre Lanze zum Meer hin von wo aus der Gott des Windes sich zu ihr aufmacht. Ihrem Ruf folgend, einen leichten Sack geschultert, bringt er den ersten Hauch in das Land und belebt die Wolken und das Geäst der Bäume. Aus dem Sack entfliehen zwei große Winde - einer steigt aus dem Meer hinauf auf das Land - der Marin. Der andere - trocken und scharf wir eine Schwertklinge ist der Gers. Minerve hat sich dieses Land ausgesucht und es fehlt nichts mehr darin als die Fruchtbarkeit des Bodens. Dionysos folgt ebenso ihrem Ruf - der Gott der Säfte, der Bäume und des Weins.
Die Göttin ist mit ihrem Werk zufrieden und mit einem göttlichen Lächeln erobern Minerve, Dionysos und der Gott des Windes ihr neu geschaffenes Land.
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